Der Wolf und der Fuchs

Märchen der Lesghier

Eines Tages wollte das Kamel die harte Herrschaft seines Herrn nicht länger dulden und lief davon, obwohl der Winter vor der Tür stand. Da kam der Fuchs des Weges.
"Guten Tag, Kamel! Wohin trottest du den?"
"Guten Tag, lieber Fuchs! Bei meinem errn war's nicht mehr auszuhalten. Ich will mir mein Futter in der Freiheit suchen!"
"Ach, Futter suche ich auch. Da können wir zusammen gehen!"
Nach einiger Zeit begegneten sie dem Dachs, der kam auch mit ihnen. Dann stieß noch ein Wolf zu ihnen und schloß sich ebenfalls an. Ins Gebirge drangen sie ein und verkrochen sich in der tiefsten Einöde, um zu überwintern. Bald danach fiel hoher Schnee, harter Frost setzte ein, und die Freunde hatten nichts zu fressen. Da sprach der Fuchs zum Wolf und zum Dachs: "Meine lieben Brüder, es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, daß wir das Kamel fressen."
"Schön wäre es ja", meinte der Wolf, "doch werden wir wohl kaum mit ihm fertig - schaut nur, wie groß und stark es ist."
"Ach du!" sagte der Fuchs, "du denkst immer nur an Gewalt. Ich werde auch so mit ihm fertig, du mußt mir nur dabei etwas helfen: Du legst dich hin, als wärest du tot, und du darfst dich nicht mucksen und nicht rühren, was ich auch mit dir anstellen werde. Wenn ich aber 'Wolf, leb auf!' rufe, dann springst du gleich hoch."
Der Wolf war damit einverstanden, und der Fuchs trat zum Kamel und sprach: "Nun, Kamel, es geht dir wohl schlecht?"
"Sehr schlecht, Fuchs. So kann man es den langen Winter über nicht aushalten, man kommt um vor Hunger."
"Das ist es eben. Uns wilden Tieren kann der Winter nichts anhaben, wir ertragen ihn wunderbar. Sieh mal, der Wolf hat sich schon darauf eingerichtet. Er ist für die Dauer des Winters gestorben, liegt da und atmet nicht. Wenn der Frühling dann kommt, so werfe ich ihn in das kalte Wasser, und er wacht auf lebt wieder. So braucht er im Winter gar nichts zu fressen."
"Ist das wirklich war?" fragte das Kamel.
"Na, hör mal, ich werde dich doch nicht belügen! Mein Fell soll mir ausgehen, wenn ich lüge! Aber sieh selbst, ich zeig' es dir gleich. Hier in diesem Fluß fließt ziemlich kaltes Wasser."
"Der Fuchs warf den Wolf in den Fluß und rief: "Wolf, leb auf!", und sofort wurde der Wolf lebendig.
"Da brauchen wir nicht mehr viel überlegen", sagte der Fuchs. "Komm, Kamel, wir wollen dich für den Winter töten. Sobald im Frühling das Gras grünt, mache ich dich wieder lebendig. Es ist weit besser so, als nach und nach Hungers sterben."
Das Kamel überlegte ein Weilchen und willigte dann schließlich ein.
"Schön", sagte es, "tötet mich, aber macht schnell!"
Die Tiere schlachteten das Kamel, zogen ihm das Fell ab, teilten das Fleisch in Stücke, und dann gingen Fuchs und Dachs zum Fluß, um die Eingeweide zu waschen. Und wie sie so waschen, spricht der Fuchs: "Ich habe großen Hunger. Komm, Dachs, wir wollen die schönsten Stückchen wegfressen!"
"Wir allein? Und der Wolf? Der hat doch alle Stücke gezählt!"
"Ach, wenn schon! Wir reden uns schon heraus. Wenn er zu fragen beginnt, dann schau nur immer mich an!"
Die beiden fraßen das Hirn und das Herz des Kamels auf und brachten den Rest dem Wolf. Der beguckte sich die Teile und wurde wütend.
"Ihr Räuber!" brüllte er, "wo ist denn das Hirn?"
Der Dachs sah den fuchs an, und dieser sagte: "Was du nur willst - da Hirn! Hätte das Kamel Hirn gehabt, dann hätte es sich doch nicht schlachten lassen!"
"Na schön, aber wo ist das Herz?"
Wieder schaute der Dachs den Fuchs an.
"He, Dachs, was gibt es da zu schauen?" wandte sich der Fuchs an ihn.
"Gelt, als du das Herz aufgefressen hast, da hast du mich nicht angeschaut?"
Als der Wolf das hörte, fiel er sogleich über den Dachs her, der aber rannte davon, was das Zeug hielt. Der Wolf jagte in großen Sprüngen hinterher; immer weiter und weiter rasten die beiden, aber der Wolf konnte den Dachs nicht erwischen.
Inzwischen sammelte der Fuchs das ganze Kamelfleisch zusammen und trug es in seinen Bau. Der Wolf kam grollend zurück, ohne den Dachs gefangen zu haben - und siehe, da war auch das Fleisch weg.
"Fuchs, wo ist das Fleisch?"
"Welches Fleisch?"
"Was heißt: welches? Wir waren doch hier zu viert!"
"Zu viert."
"Das Kamel haben wir geschlachtet, der Dachs ist davongelaufen."
"Ist davongelaufen."
"Und wo ist das Fleisch vom Kamel?"
"Welches Fleisch? Du sagst doch, der Dachs ist davongelaufen. Und ich antwortete: Ist davongelaufen. Und nun höre ich immer: Fleisch!"
"Pfui Teufel, was bist du dumm!" ärgerte sich der Wolf und fing von neuem an, den Fuchs nach dem Fleisch auszufragen. Der konnte sich auf alles genau besinnen, doch wenn die Rede auf das Fleisch kam, so wußte er nichts und verstand auch nichts. Lange plagte sich der Wolf mit ihm herum.
"Nein, Fuchs", sagte er schließlich, "du führst mich an der Nase herum. Sag mir jetzt, wo das Fleisch ist, sonst reiß ich dich in Stücke!"
Da schlüpfte der Fuchs in seinen Bau und versteckte sich dort. Der Wolf legte sich vor den Fuchsbau und knirschte: "Und wenn ich hier verrecken sollte, ich warte so lange, bis du herauskommst, und dann zerreiß ich dich! Aus deinem Bau riecht es nach Kamelfleisch."
Der Fuchs äugte vorsichtig aus dem Bau und sah, daß in der Nähe ein Pferd umherirrte - es war wohl von seiner Herde abgekommen. Da sagte er: "Hör mal, Wolf, mit dem Sprichwort bist du wohl gemeint: 'Wer zu werfen nicht versteht, greift nach dem größten Stein!' Wie willst du denn mit mir fertig werden? Schau nur, da geht ein Pferd umher! Allah schickt es uns als Ersatz für das Kamelfleisch, von dem du geträumt hast. Wir wollen das Pferd auffressen."
Der Wolf war es schon längst müde, auf der Lauer zu liegen, auch wurde sein Hunger immer heftiger. So ging er beiseite und ließ den Fuchs aus dem Bau. In diesem Augenblick war das Pferd schon ganz nah herangekommen, und der Fuchs sprach zu ihm: "Na, Pferd, wie ist es: Im Sommer ist mit Flüssen schlecht zu spaßen, im Winter mit Bergen! Du hungerst wohl?"
"Ach, und wie, Fuchs! Ich habe meine Herde verloren."
"Ja, wir kommen auch um vor Hunger. Es ist wohl nicht zu vermeiden, daß wir einen fressen müssen."
Da flüsterte der Wolf dem Fuchs zu: "Du nasse Zunge, was schwafelst du denn noch lange herum? Wir überfallen es einfach."
"Das geht nicht, du Dummkopf. Es muß selbst damit einverstanden sein. Ich werde es schon überreden."
Und der Fuchs sprach zum Pferd: "Hör mal, Pferd, wir machen es so: es wird der gefressen, der am jüngsten ist."
Das Pferd und der Wolf waren damit einverstanden. Der Wolf triumphierte: "Ich bin der Älteste. Denn in meiner Jugend war ich noch mit in der Arche Noah. Ich weiß noch genau, wie er starb, und wie seine Söhne sich gegenseitig bekämpften. Ich habe sie noch miteinander versöhnen müssen."
Da fängt der Fuchs an zu weinen: "Ach, Wolf, in Allahs Namen, erinnere mich nicht an diese Kriege! Meine älteren Engel sind damals gefallen. Sie waren schon verheiratet. Ich alter Mann mußte die verwaisten Urenkel großziehen."
Da sagte das Pferd: "Nun ich bin wohl der Älteste von euch. Ich weiß nur nicht genau, wieviel Jahre ich alt bin. Mein erster Herr hat mein Geburtsjahr und seinen Namen auf einen meiner Hinterhufe geschrieben."
"Da lügt es sicher, daß es älter ist", sagte der Fuchs.
"Lies doch mal, Wolf, was da bei ihm geschrieben steht, meine alten Augen sehen schon schlecht."
Der Wolf war auch dumm genug, sich den Huf zu besehen - da schlug ihn das Pferd damit vor den Kopf, daß der Wolf nur so davonflog. Nun lag er da. Die Zunge hing aus seinem Maul, und er streckte alle viere von sich.
"Schönen Dank, liebes Pferd", sagte der Fuchs. "Er hätte sonst dich und mich zerrissen."
Und er ging in seinen Bau und fraß in aller Ruhe das Kamelfleisch. Das Pferd aber trottete zu seiner Herde zurück.

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 Englische Übersetzung

 
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